Dieser Tag war wohl bisher der erlebnisreichste und intensivste Tag.
Dabei fing alles so erholsam an: Nachdem ich bis halb 11 ausschlafen konnte, ging ich nach magerem Frühstück (nur Obst, mir ist die Lust auf abgepacktes Rosinenbrot vergangen und Joghurt…ja..) daran, den Tag zu planen. Da sonst keine Termine anstanden, wollte ich mir die Altstadt Shanghais anschauen, allerdings nachdem ich zunächst den Tag langsam anging.
Ich saß um 12:30 also noch wie frisch aus dem Bett gefallen (in Boxershorts) vor dem Notebook und schaute nach, was in der Woche alles passiert war, als auf einmal meine Appartementtür aufging. Nach kurzem verwundern stand die A-Yi in der Tür, die Putzfrau! Ohne anzuklopfen oder ähnliches stand sie dort und ohne Hemmnisse ist sie dann in die Wohnung und machte mir mit einer wischenden Geste klar, dass sie putzen will. Ja, das war mir auch klar!
Ich zog mir erstmal was über und machte ihr dann mithilfe des Langenscheidt Sprachführers (DANKE Camil!) klar, dass sie um 1 Uhr wieder kommen soll.
Meine Tagesplanung beschleunigte sich daraufhin, denn ich wollte noch schnell duschen und dann los. Als ich um kurz nach 1 dann los bin in Richtung Innenstadt war sie natürlich noch nicht wieder da.
In der Stadt angekommen habe ich mich wieder halb nach dem vorgegebenen Rundgang und halb nach eigenem Willen durch die Stadt bewegt. Der Weg von der Haupteinkaufsstraße (East Nanjing Road – Nanjing Dong Lu) bis an die Ränder der Altstadt war dabei von Verkehrschaos geprägt – es war wohl allgemein eher ein Werk- als ein Sonntagsgefühl.
Doch je weiter ich kam, umso weiter kam ich auch von dem bunten Glitzern der Innenstadt weg. Die Straßen, die ich dort teilweise durchquerte stellten eine völlig andere Stadt dar: Die Menschen dort lebten auf kleinstem Raum, der sehr zur Straße hin orientiert war und man sah allein an den hygienischen Maßstäben dieses hier eine Kategorie des Überlebens ist, wie es sie in Deutschland wohl gar nicht gibt. Ich glaube zwar fest, dass diese Menschen nicht Angst haben müssen zu verhungern, das ist allerdings auch schon alles!
Die Eindrücke, die sich dort ergaben, lassen sich schwer in Worte fassen. Es war eine Atmosphäre, die trotzdem nie unsicher oder voller Neid gewirkt hat und irgendwie war es doch ein Gefühl der Betriebsamkeit und nicht des Jammerns oder Beklagens, was ich um mich wähnte.
Erwähnenswert ist dabei, dass ich keinerlei Angstgefühle oder ähnliches hatte, da die Atmosphäre nicht dem entspricht was ich mir unter runtergekommenen Vierteln in Deutschland, Ghettos oder Slums vorstelle.
Umso beeindruckender war es dann, als ich mal wieder durch eine der kleinsten Gassen schlenderte, dass ich auf einmal vor vielen prächtigen Gebäuden stand: Mitten in den ärmeren Bereichen ist der Yu Yuan Tempel. Ein wundervoller Bau, der so aussieht, wie ich mir das „alte” China vorstelle. Wunderschön!
Allerdings gibt es dort ein großes Aber: Nicht nur, dass die Außenbereiche des Tempels mit touristischen Läden von McDonald’s bis zum Kleinkramhändler übersät sind, auch in den Innenbereichen der Tempelanlage (vom Aufbau am ehesten mit einer Klosteranlage zu vergleichen) sind die kleinen Händler, Läden und sogar ein Starbucks direkt gegenüber des Hauptteils des Tempels.
Dementsprechend touristisch waren auch die Massen dort, so dass es mich dort nur für ca. 10 Minuten hielt, die Stadt auf meine eigene Faust erkunden ohne tausende von typischen Touristen um mich herum gibt mir da mehr.
Nach noch einem ordentlichen Stück in Richtung Süden habe ich dann irgendwann aber auch umgedreht, denn die Anstrengungen in den Beinen, für die Nase und allgemein die krassen Gegensätze zwischen dem glitzernden, modernen Shanghai und dem, was man dort so alles sah, sorgten dafür, dass ich am liebsten eine Auszeit in einem Park genommen hätte. Leider war dort keiner.
So musste ich da durch. Doch das Wetter motivierte mich dann wenigstens noch dazu, dass ich noch den Bund von Süden nach Norden ablaufe, da dies sowieso nicht allzuweit von meinem nötigen Rückweg entfernt war.
Der Umweg hat sich dabei auf jeden Fall gelohnt, denn der Ausblick auf Pudong bei Sonnenschein ist auch unglaublich. Vor allem wenn man noch eine Stunde zuvor das krasse Gegenteil gesehen hat, wirkt es irgendwie seltsam.
Am Bund habe ich dann unglaublich viele Polizisten – insgesamt deutlich über 100 in 2-3 großen Gruppen – gesehen, was dazu führte, dass die ganzen kleinen Kruscht-Händler ihre Bauchläden nahmen und einen schnellen Abgang machten. Vielleicht war es auch dadurch so entspannt am Bund.
Ich genoss noch ein wenig das Panorama, machte wieder viele Fotos und dann kam das nächste Highlight. Auf dem Weg zurück zur Nanjing Dong Lu sah ich bestimmt 150 Militärpolizisten (zumindest waren sie wohl mit Militärlastern angekarrt worden), die im Laufschritt die Hauptstraße am Bund überquerten und in die Stadt liefen. Später liefen dann nochmal ca. 50 von denen an mir zügig vorbei. Ich habe nicht den geringsten Schimmer, was dort los war. Aber mein Chef sagte mir, er habe das noch nicht erlebt, es ist also wohl kein alltägliches Ding.
Auf dem Rückweg nach der U-Bahn-Fahrt genoss ich die Abendsonne und meinen neuen Lieblingsheimweg. Die Sonne ging pünktlich kurz nach meiner Ankunft im Appartment unter, so dass ich noch ein paar Bilder davon machen konnte.
Hoffentlich kommen noch ein paar solcher Tage, was das Wetter betrifft.
Doch nach so viel umwerfenden sollte mich die negative Überraschung noch einholen, auch wenn sie mit den bombastischen Eindrücken des Tages nicht vergleichbar ist, hat sie mich dennoch ziemlich gewurmt.
Mein bisheriges Verständnis von vielen Dingen, so musste ich feststellen, beruhte auf grundlegend falschen Annahmen.
Es begann damit, dass die Wäsche, die die Putzfrau vom Boden im Bad in die Waschmaschine geräumt hatte, nicht wie ich annahm gewaschen war. Sondern einfach nur in die Waschmaschine geräumt. Kein großes Ding, aber ärgerlich, wenn man die Sachen rauslegen will und dann merkt, dass sie noch stinken (es waren die Fußballsachen dabei).
Dann hatte ich angenommen, dass die Putzfrau die Bierflaschen mitnimmt, die ich immer neben den Mülleimer stelle, denn die waren dort nicht mehr. Desweiteren unterlag ich der Annahme, dass ich in der Küche neben einem Wok auch eine gebrauchstüchtige Pfanne habe.
Weit gefehlt, was auch die letzten beiden Annahmen angeht: Die Pfanne sah zwar nicht sonderlich verschmutzt aus im Halbdunkeln des Schrankes, doch waren dort noch die eingetrockneten Fetttropfen zu erkennen – na lecker! Kein Wunder, wenn sich dann irgendwann mal Tiere einquartieren!
Nach hartem Schrubben ging das Fett trotzdem nicht ab, da ich als Hardware nur einen Schwamm zur Verfügung hatte. Auf der Suche nach weiteren Kochutensilien dann der nächste Hammer: In einem Teil der Küchenschränke stehen ca. 15 Bierflaschen schön aufgereiht. OH MAN! Ich meine, die Frau macht das sicher nicht mit böser Absicht, aber da treffen einfach falsche Erwartungen aufeinander und lauter Bierflaschen mit normalen, minimalen Resten drin – hoffentlich hab ich noch kein Ungeziefer hier!
Nachdem ich reichlich genervt war, wollte ich mich wieder aufmuntern und die Bratkartoffeln und das Fleisch machen, allerdings war ich genötigt beides nacheinander zu machen und beides im Wok zu machen.
Die Kartoffeln – ein sonst echt bombensicheres Ding bei mir – gelangen mir wirklich nur mittel-schlecht, so dass ich kein großes Erfreuen dran hatte und das Fleisch brauchte ewig im Wok und war dann wie tot, da ich es aber auf jeden Fall durchgebraten haben wollte – wer weiß wie lange das wo lag!
Das bedeutete leider, dass das Essen mich zwar gesättigt hatte, aber nicht den gewünschten Heimateffekt hatte – sondern das Bedürfnis nach der heimatlichen Küche und der vorhandenen Geräte noch deutlich erhöht hat!
Allerdings hat heute das Essen in der Kantine dafür entschädigt: Mittags Chicken und als anderes Hauptgericht Garnelen und abends Schwein, Nudeln, Rührei und noch mehr Nudeln. Das war wirklich lecker! Da habe ich gar keinen riesigen Heißhunger auf Deutsche Küche mehr! DANKE Kantine!
Verfasst von luk4z